Wie NFTs den Bahnmarkt beeinflussen könnten

Non-fungible Tokens waren lange in aller Munde: Der deutsche Youtuber Fynn Kliemann, der Twitter-CEO Jack Dorsey und sogar das Tradistionshaus Christie´s veranstalteten Auktionen mit Non-fungible Tokens (NFTs). Bisher ist die Nutzung vor allem im Kunstmarkt ein Thema, NFTs haben jedoch auch in anderen Bereichen Potenzial: Die NFT-Blockchain ist nicht allein auf die Nutzung als Kryptowährungsplattform beschränkt. Bei all dem Hype gibt es jedoch auch berechtigte Kritik – der CO2-Fußabdruck von NFT-Transaktionen ist enorm, die Preise für Kunstgegenstände schnellten in die Höhe und haben längst die Unverhältnismäßigkeit erreicht, bevor sie kürzlich wieder stürzten.

Wie man von Digital Art zu Anwendungsbereichen im Bahnmarkt kommt? Das skizzieren wir im folgenden Insight.

Exkurs Blockchain: So funktioniert die Datenspeicherung in der Blockchain

Eine Blockchain ist eine Art Datenbank, die sich aus Blöcken zusammensetzt. Diese Blöcke sind ähnlich wie Perlen einer Kette hintereinander aufgefädelt und reihen sich aneinander. Jeder Block enthält die Daten, die darin gespeichert werden sollen und einen eindeutigen Hash-Wert.

Unter Hashing versteht man die Umwandlung einer Zeichenfolge in einen numerischen Wert. Dieser ist oftmals kürzer als die ursprüngliche Zeichenfolge und wird als Hash-Wert bezeichnet. Der Hash-Wert ist eine Art Prüfsumme und stellt sicher, dass der Dateninhalt nicht verändert worden ist. Die einzelnen Blöcke der Chain kennen neben ihren eigenen Hash-Werten auch den Wert des Vorgängerblockes. Hierdurch authentifiziert sich die Blockchain in einer Kettenreaktion fortlaufend selbst – wird ein Hash verändert, reißt diese Kette ab. Hierdurch wird die Sicherheit der Datenbanken vor Manipulation gewährleistet. Ein Umstand, den sich NFTs zunutze machen.

Non-fungible Token – was ist das?

Bei Token wird zwischen fungible und non-fungible unterschieden. Fungible Token kennt man vor allem von Kryptowährungen. Token sind hier austauschbar. Dasselbe Prinzip hat analoge Währung. Jeder 20-Euro-Schein hat exakt den gleichen Wert. Es ist egal, welchen Schein man besitzt oder als Zahlungsmittel benutzt. Non-fungible Token entsprechen diesem Prinzip nicht. Sie repräsentieren einen konkreten Gegenstand und bilden den Besitz digital ab. Gemein haben die beiden Token-Arten lediglich die Speicherung in der Blockchain. NFTs sind also einzigartige Token in einer Blockchain, mit denen Eigentumsverhältnisse zweifelsfrei dargestellt werden können. Sie können zudem nicht beliebig oft vermehrt werden und eignen sich daher besonders, um Besitztümer limitiert und einzigartig im digitalen Raum darzustellen. Somit können sie als Basis für eine Blockchain-basierte, digitale Wirtschaft fungieren.

Crypto-Collectibles und NFT-Kunst

Die aktuell relevantesten und verbreitetsten Anwendungsfälle von NFTs sind Krypto-Kunst und digitale Sammlerobjekte. Musiker und andere Künstler stellen ihre Arbeit digitalisiert zum Kauf bereit. So zum Beispiel die Sängerin Grimes, die Band Kings of Leon oder auch der deutsche Youtuber Fynn Kliemann. Der Twitter-CEO Jack Dorsey verkaufte die digitale Kopie des ersten Tweets, das Traditionsauktionshaus Christie’s versteigerte ein NFT-Kunstwerk des Künstlers Beeple. Zum ersten Mal in der Geschichte des Auktionshauses konnte zudem mit Kryptowährung bezahlt werden.

Digitale Kunst hatte bisher nicht den Stellenwert wie analoge Kunstwerke – sie konnte kopiert, vervielfältigt und einfach geteilt werden. Anders als beispielsweise durch die Pinselführung bei einer analogen Kunstkopie, konnte im digitalen Raum bisher nicht ausgemacht werden, welche Datei das Originalwerk ist. Durch NFTs hat sich dies geändert.

Neben der Kunstindustrie ist einer der größten Nutznießer die Gaming-Industrie. Mittels NFTs können individuelle Objekte wie Kleidungsstücke, Waffen oder auch Ausrüstung erstellt und erworben werden, im Blockchain-Game Axie Infinity wurde ein virtueller Landstrich für 1,5 Mio. US-Dollar verkauft.

Nicht nur digitale Kunstgegenstände oder Inhalte aus digitalen Spielen können tokenisiert werden: So setzen beispielsweise der Modesektor und die Lebensmittelindustrie auf die Blockchaintechnologie, um Lieferketten transparenter zu machen. Dolce & Gabbana kündigten an, eine exklusive NFT-Kollektion herauszubringen. Weiterhin könnten Urheberrechte an digitalen Inhalten wie Texten, Videos oder Musik verwaltet werden, Personalausweise, Impfpässe oder andere wichtige Dokumente könnten über die Blockchain gesichert werden. Eine Dokumentenfälschung wäre somit praktisch ausgeschlossen. Nahezu jede bisher analoge Urkunde kann ins Digitale überführt werden. Universitäten könnten in Zukunft Absolventenzeugnisse als NFT erstellen, Immobilienverkäufe über die Blockchain als NFT abgewickelt werden. Die Anwendungsfälle für NFTs scheinen schier endlos zu sein und künden von einer digitalisierten Welt.

Warum der Hype noch lange nicht vorüber ist

Bei all dem Hype wird eines jedoch scheinbar vergessen: Um niedergeschrieben zu werden, verbraucht die Blockchain eine enorme Menge an Energie. Der Prozess des Niederschreibens, auch Mining genannt, wird von unzähligen Rechnern gleichzeitig durchgeführt – so verbraucht allein das Mining von Bitcoins jährlich mehr Energie als beispielweise die Niederlande. Laut eines Rechenmodells der Cambridge University wird der Mining Energieverbrauch in den nächsten Jahren kontinuierlich steigen. NFTs werden hier noch nicht mitberücksichtigt. Laut Digiconomistverbraucht jede Bitcoin-Transaktion aktuell so viel Strom wie über 1,8 Mio. Transaktionen per Visa Kreditkarte. Dennoch kann der Nutzen der Technologie nicht von der Hand gewiesen werden, der Hype rund um NFTs ebenso wenig. Dieser ist auch noch lange nicht vorüber. Abseits vom theoretischen Nutzen ist ein weiterer Indikator für den Erfolg von NFTs die Bereitschaft etablierter Institutionen und Unternehmen in neue Strukturen zu investieren. So investierte die Deutsche Börse gemeinsam mit der Commerzbank unlängst einen zweistelligen Millionenbetrag in das Fintech 360X. Das Start-up soll NFT-Marktplätze für Kunst und Immobilien schaffen. Die Marktentwicklungen zeigen deutlich, dass sich eine solche Investition lohnen kann: Opensea, der größte Marktplatz im Bereich NFTs, ist 1,5 Milliarden US-Dollar wert. Nachdem der Hype um NFTs Mitte Juni 2021 mit monatlichen Verkäufen unter 130 Millionen US-Dollar etwas abzuflachen schien, schossen die Verkäufe laut Nonfungible.com im September 2021 auf über 3 Mrd. US-Dollar.

Und was ist für den Bahnmarkt drin?

Stabilität, langfristige Planbarkeit und Unterstützung in der Digitalisierung. Was zunächst wie eine möglicherweise wegweisende Veränderung der Branche klingt, trifft schnell auf Ernüchterung:

Schienenverkehrsunternehmen könnten Tickets weit im Voraus an Zwischenhändler verkaufen. So wird ein Festpreis pro Ticket garantiert. Das Unternehmen kann mit einer vollen Auslastung kalkulieren, selbst wenn diese dann ausbleibt. Das Risiko trägt der Zwischenhändler. Neben der sicheren Planbarkeit profitieren die Verkehrsunternehmen noch von anderen Vorteilen: Statt einer B2C Verkaufsstrategie mit hohen Kosten für Kundensupport und einzelnen Verkaufsabwicklungen, kann durch die eindeutige Zuordnung und Fälschungssicherheit der Tickets durch NFTs auf ein B2B-Modell umgestellt werden. NFTs können auch in der Logistik und dem Güterverkehr nützlich sein, gerade durch ihre Unveränderlichkeit und Transparenz. So können Angaben über Herkunft, Transportweg und Lagerort gemeinsam mit dem Produkt gespeichert und abgerufen werden. Mit jedem neuen Scan werden auch neue Metadaten hinzugefügt. Der Gütertransport könnte so effizienter und kostensparender gestaltet werden.

Ein konkreter Nutzen für den Bahnmarkt, der über Anwendungsfälle im Bereich Cybersecurity hinausgeht, ist also gegeben. Doch sollte eines bedacht werden: Kaum ein Verkehrsmittel wird so sehr mit einer grünen, emissionsarmen Mobilität verknüpft, wie die Schiene. Bei allen klimapolitischen Zielen wird die Bahn immer wieder in den Mittelpunkt gerückt. Kann also gerade sie es sich leisten, auf eine so emissionsstarke Technologie wie die Blockchain zu setzen? Die Antwort hierauf muss „Nein“ lauten. Umso mehr kann man hinterfragen, weshalb die Deutsche Bahn seit 2018 eine ganze Abteilung unterhält, die verschiedene Anwendungsfälle für die Blockchaintechnologie erforscht.